Kunstautomat

Andres Wanner im Gespräch mit Wildprovider über den Kunstautomaten, schlechte Kunst und die Kunst nicht selber Kunst machen zu müssen, sondern Maschinen zu bauen, die das für einen erledigen.

Kunstautomat

Kunstautomat

Wildprovider: Der Kunstautomat wird, solange er funktioniert, nur schlechte Kunst produzieren. Unter schlechter Kunst verstehe ich Artefakte, die nichts reflektieren, wenig/nicht kritisch sind, sich nicht einmischen, rein kommerziell sind, hoffnungslos überladen, Vernissagenkunst, etc.

Andres Wanner: Ich bin der Ansicht, dass der Kunstautomat selbst gar keine Kunst produziert. Denn was nicht reflektiert, nicht kritisch ist und sich nicht einmischt kann mE keine Kunst sein, auch keine schlechte. Man wird ja nicht von den Bildchen erwarten, dass sie sich einmischen, ebensowenig von einer Maschine, die nach einer algorithmischen Vorschrift funktioniert. Jedenfalls ist es keine Kunst im herkömmlichen Sinne eines Kunstproduzenten, der sich von Werk und Betrachter eindeutig abhebt. Automatenkunst konfrontiert uns mit der Frage nach dem künstlerischen Subjekt. Wer macht Kunst? Man kann über den Kunstautomaten sagen, dass er sowohl ein verlängerter Arm des Künstlers ist, also nach dessen Konzept ein Werk ausführt als auch ein Mittel der Partizipation des Betrachters ist.

Wildprovider: Da er aber eine Maschine ist, bekommt er von all den Gerüchten, Reflektionen und miesen Kritiken nichts mit. Er produziert weiter Kunst auf Knopfdruck gegen Bezahlung.

Andres Wanner: Diese Sichtweise gefällt mir besonders: die stille unbeirrbare Maschine, die, gleichsam mit Tunnelblick, und aller Kritik gegenüber immun, mechanisch weiter produziert. Wer wollte nicht so eine dicke Haut haben?

Wildprovider: Würde er wenigstens etwas brauchbares ausspuken wie ein Suppe oder einen Kaffee oder auch Comixhefte. Wir wären ihm unendlich dankbar. Aber nein, der Kunstautomat produziert Kunst im immerselben Format: Fotografische Abbildungen, deren Originalität in der Veränderung des eigenen Abbilds besteht.

Andres Wanner: Was ist Kunst, wenn die Erzeugnisse sich immer wieder gleichen – automatenhaft und mechanisch reproduziert, offenbar ohne Originalitätscharakter?
Der Aspekt ist wichtig, dass alle Zeichnungen Unikate sind. Ihre Gestalt hängt vom Programm, vom Moment, und von der Partizipation der Betrachter ab. All dies widerspricht der Sichtweise der rein mechanischen Reproduktion.

Wildprovider: Das Ich wird gefiltert, modifiziert und auf Fotopapier transferiert. So gesehen ist die Kunstmaschine eigentlich eine Selbstportraitmaschine. Und Selbstportraits sind ja schon fast Produkte wie Suppe mit Speck, Cappuccino und Tee. Heiss!?

Andres Wanner: Einen gewissen Nützlichkeitsaspekt finde ich sehr interessant. Vielleicht interessiert es dich, dass der Kunstautomat in einer früheren Fassung noch Porträtmaschine hiess.

Wildprovider: Beim Kunstautomat vermisst man dieses Subjekt/ Identität. Wildprovider: Das finde ich auch ein zentrales Moment. Somit wäre der Kunstautomat
eine brauchbare Methapher für heutige Künstleridentitäten. Mir fällt
da der bettelnde Computer von Alexej Shulgin ein, der einfach ein
bisschen Musik macht und in seinem CD-Laufwerk steckt ein Pappbecher
in das die verdutzten Kunstkonsumenten Münzen werfen können. Bei
Shulgin wird der in die Jahre gekommene Computer „vermenschlicht“. Er
erhält eine Identität, man fühlt Mitleid mit ihm. Beim Kunstautomat
vermisst man dieses Subjekt/ Identität. Er ist vielleicht noch zu sehr
Maschine? Von Maschinen wissen wir ja, dass sie Meister/Autoren haben.
Wenn der Kunstautomat aber einer wäre wie du und ich? Auf der Suche
nach Anerkennung, kommerziellen Erfolgs, Einladungen zu Festivals und
Ausstellungen? Das Subjekt ist in der Kunstproduktion genausowichtig
wie die Arbeit selbst. Reicht eine Myspace Seite mit den gesammelten
Werken schon aus, oder braucht er doch noch einen Galeristen? Wird man
in Zukunft den Schlitz mit Scheinen füllen müssen oder macht er es wie
D.Hirst und arbeitet an den Galerien vorbei und geht direkt zu
Sothebys? Müsste der Kunstautomat nicht auf qualitativere Medien wie
Plotter und Leinwand umsteigen um am Kunstmarkt erfolgreich sein zu
können? Werden seine Stilleben Anerkennung finden in der Kunstwelt?
Sollte er nicht eine Kunstakademie besuchen oder gilt gerade der
Autoditaktik seine besondere Wertschätzung?

Andres Wanner: Ja, beim Kunstautomaten vermisst man die Subjekt Identität, er hat kein
Subjekt. Oder, etwas tautologisch gesagt: das Subjekt bin ich, der
Programmierer des Kunstautomaten.
Vermenschlichung von Kunstmaschinen war mir schon immer etwas
unheimlich, deshalb hab ich wohl auch auf eine Ausarbeitung dieses
Aspekts verzichtet. Für mich ist er eine Art verlängerter Arm, aber
zugleich ein unscharfer Schnittpunkt, wo die Grenzen zwischen Künstler,
Werk und Betrachter verschwimmen.
Hmmm, das wäre wohl auch noch zu präzisieren, die drei sind sicher nicht
symmetrisch austauschbar.

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